Als ich im Jahre 1956 meinen Artikel über “Einige soziologische Aspekte des Fremdenverkehrs” (“Zeitschrift für Fremdenverkehr”, 11. Jg., Nr. 4) schrieb, war es noch reichlich gewagt, den Tourismus konsequent als Erscheinung der industriellen Gesellschaft, und zwar im Zusammenhang mit den Freizeitproblemen, zu behandeln. Ich hielt damals abschliessend die Zeit dafür reif, “dass mit dem ganzen Arsenal der von verschiedenen Richtungen der Soziologie erarbeiteten Begriffe, Methoden und Einsichten der Fremdenverkehr durchleuchtet würde”. Die von mir derart aufgeworfenen Fragen lagen offenbar bereits in der Luft, da nämlich schon im gleichen Jahre 1956 aus dem Seminar für Sozialwissenschaften an der Universität Hamburg, unter der Leitung des bekannten Soziologen Helmut Schelsky (jetzt in Münster in Westfalen), eine Arbeit über “Freizeit in der industriellen Gesellschaft, dargestellt an der jüngeren Generation”, von Viggo Graf Blücher, im Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart, erschien und eine Untersuchung von Hans‐Joachim Knebel über “Soziologische Struhturwandlungen im modernen Tourismus“ ihren Abschluss fand, die aber erst im Jahre 1960 vom selben Verlag veröffentlicht wurde, und zwar in der von Jantke, Neundörfer und Schlesky edierten Schriftenreihe “Soziologische Gegenwartsfragen” (Neue Folge). Namentlich diese Schrift hat in den Kreisen der Fremdenverkehrsfachleute Beachtung gefunden und mit Recht zu vielen Diskussionen Anlass gegeben. Sie hat — man mag sich zu Knebels Feststellungen und Folgerungen stellen wie man will — in das touristische Schrifttum eine neue, wertvolle Note gebracht und wesentlich dazu beigetragen, dass man über das reichlich öde gewordene Denken mit Gäste‐ und Logiernächte‐Zahlen hinwegkommt. Die Struktur und Rolle des Fremdenverkehrs treten nun in den Rahmen der modernen Gesellschaft, und die Auswirkungen des sozialen Wandels in dieser Gesellschaft auf den Tourismus werden der Allgemeinheit bewusster. Der Durchbruch in der Betrachtungsweise ist H. J. Knebel gelungen; er hat der Blickrichtung mit seiner Untersuchung einen neuen Winkel gegeben und gezeigt, dass die Soziologie eine Fülle von Tatsachen und Anregungen zu vermitteln vermag, selbst wenn man vielleicht genötigt ist, vom wissenschaftlichen und praktischen Boden aus “keinen Stein auf dem andern zu lassen”. Seit dem Erscheinen der Dissertation hat der Verfasser an einem Meinungsaustausch von sich reden gemacht, indem er ein hypothetisches Bild des modernen Touristen entwarf, “der sich in seinen Milieupanzer einhülle, von ständiger Unrast getrieben werde, in das Vergnügen flüchte und mit sich nichts anzufangen wisse”. Als eines der stärksten Reisemotive des deutschen Touristen erkennt H. J. Knebel die Geltungssucht, die sich unter anderem im Postkartenschreiben, im häufigen Photographieren und im Sammeln von Souvenirs äussere (“Der Fremdenverkehr”, XIII. Jg., H. 1, 1961, S. 29). Die von den Reiseleitern geschilderten Beobachtungen hätten übereinstimmend den meisten der aufgestellten Behauptungen widersprochen (Mobilitätszwang, Vergnügungssucht usw.).
Article navigation
Review Article|
January 01 1962
Zur soziologischen Literatur über Freizeit und Tourismus Available to Purchase
Publisher: Emerald Publishing
© MCB UP Limited
1962
The Tourist Review (1962) 17 (1): 2–8.
Citation
Leugger J (1962), "Zur soziologischen Literatur über Freizeit und Tourismus". The Tourist Review, Vol. 17 No. 1 pp. 2–8, doi: https://doi.org/10.1108/eb059879
Download citation file:
188
Views
Suggested Reading
Soziologische Randbemerkungen zur zahlenmässigen Erfassung des Fremdenverkehrs
The Tourist Review (March,1960)
Szenario: Freizeit und Tourismus im Zeithorizont 2000–2010
The Tourist Review (March,1983)
Feldforschung und tourismus
The Tourist Review (March,1984)
Einige soziologische Aspekte des Fremdenverkehrs
The Tourist Review (April,1956)
Die Rolle der Reisebüros und Reiseveranstalter in den achtziger Jahren
The Tourist Review (January,1981)
Related Chapters
References
Tourism in the Muslim World
References
Tourism Policy-Making in the Context of Contested Wicked Problems: Politics, Paradigm Shifts and Transformation Processes
References
Contemporary Challenges of Climate Change, Sustainable Tourism Consumption, and Destination Competitiveness
Recommended for you
These recommendations are informed by your reading behaviors and indicated interests.
